Predigt vom 24. Dezember 2020

Timo Plutschinski - Der heruntergekommen Gott

Der heruntergekommene Gott

Heruntergekommen – Das ist natürlich einfach eine Bezeichnung dafür, wenn jemand oder etwas von oben herunterkommt. Aber es hat auch diese zweite Bedeutung: „in einem äußerlich schlechten Zustand, verwahrlost, marode“.

 

Und beides trifft auf Gott zu!

 

Der Höchste kam nicht auf einem roten Teppich und wurde nicht mit militärischen Ehren empfangen. Als Gott auf die Erde kam, wurde ein Stall der Kreißsaal für das Baby aus dem Himmel. Der „heruntergekommene” Gott erschien nicht mit Glanz und Gloria , sondern als verletzliches Geschöpf, in Windeln gewickelt.

Und das hatte einen ganz bestimmten Grund:

Gott kam deshalb nicht zu uns in seiner Macht und Herrlichkeit, weil wir als Menschen dann keine Chance mehr gehabt hätten.

Der Philosoph und Theologe Sören Kierkegaard hat das in einer bewegenden Geschichte sehr schön zum Ausdruck gebracht.

“Ein König verliebte sich in ein Mädchen aus ärmlichen Verhältnissen ohne adeligen Stammbaum und ohne Bildung. Sie wohnte in einer armseligen Hütte und lebte als Bäuerin. Aber der König verliebte sich in diese Frau, wie es Könige eben manchmal tun. Und er konnte nicht aufhören, sie zu lieben. Aber dann machte sich im Herzen des Königs eine Sorge breit: wie konnte er dieser Frau seine Liebe offenbaren? Wie konnte er die Kluft zwischen ihnen überbrücken?

Seine Ratgeber sagten ihm natürlich, er solle ihr einfach befehlen, seine Frau zu werden. Denn er war ein Mann, der alle Macht dazu besaß – jeder fürchtete seinen Zorn, alle Nachbarländer zitterten vor ihm, jeder am Hof warf sich nieder vor der Stimme des Königs. Die Frau wäre ihm ewige Dankbarkeit schuldig gewesen. Er hätte ihr befehlen können, in seinen Palast zu kommen, aber Macht kann keine Liebe erzwingen. Er könnte sich ihren Gehorsam sichern, aber erzwungene Unterwerfung war nicht, was er wollte. Er sehnte sich nach Vertrautheit und Liebe. Alle Macht der Welt kann die Tür eines Herzens nicht aufschließen. Sie muss von innen geöffnet werden.

Der König könnte die Frau – zweite Variante – auch in den Adel erheben, sie mit Geschenken überschütten, in Purpur und Seide kleiden, sogar zur Königin krönen lassen. Wenn er sie in seinen Palast bringen, die Sonne seiner Macht über ihr erstrahlen ließe; wenn sie seinen Reichtum, seine Macht und Größe sähe, wäre sie wahrscheinlich überwältigt.

Wie könnte er dann aber jemals wissen, ob sie ihn wirklich liebte, um seiner selbst willen oder nur wegen allem, was er hatte und ihr gab? Wäre sie in der Lage, zu vergessen, dass er König war und sie ein armes Bauernmädchen?

Nein, es gab nur eine, die dritte Alternative, wie er sein Ziel erreichen konnte. Der König stieg von seinem Thron, setzte seine Krone ab, legte sein Zepter weg und zog seinen Purpurmantel aus. Er wurde selbst zum Bauern. Damit ging er natürlich ein großes Risiko ein. Würde das Mädchen ihn so haben wollen? In Lumpen?”

 

Soweit die Geschichte. Die bewusst offen bleibt.

Genau dieses Risiko ist Gott eingegangen. Er lief Gefahr, verkannt zu werden, bis heute. Viele nahmen ihn nicht auf. Zu ärmlich. Zu erbärmlich. Zu unbedeutend. Geradezu peinlich, an so einen „Gott für Arme“ zu glauben. Zu wenig intellektuell. Zu wenig trendy. Irgendwie von gestern. Heruntergekommen.

 

Aber dieses Risiko ging Gott ein, weil er uns Menschen liebt.

Weil er dich liebt. Und weil er gar nicht deine Anerkennung sucht, sondern deine Liebe.

 Weihnachten ist die Eröffnungsszene, der Beginn einer großartigen Geschichte. Dieses Drama wird uns im Neuen Testament (in Philipper 2) in 3 Akten beschrieben. Und dazu zitiere ich uns 3 Verse:

  1. Akt: „Gott hielt nicht selbstsüchtig daran fest, wie Gott zu sein. Nein, er verzichtete darauf und wurde einem Sklaven gleich: Er wurde wie jeder andere Mensch geboren und war in allem ein Mensch wie wir.“

Das ist das heutige Fest. Weihnachten. Weihnachten ist aber noch nicht der Höhepunkt der Geschichte. Oder sollte ich eher sagen: der Tiefpunkt (wenn wir vom herunterkommen reden). Gott ist nämlich noch nicht ganz heruntergekommen. In der Abwärtsbewegung ist Weihnachten lediglich eine Zwischenstation. Es geht noch tiefer.

Lesen wir mal einen Vers weiter. Und da kommen wir auch dorthin, wo diese Mehrdeutigkeit des Wortes „heruntergekommen“ absolut zutrifft. Gott kommt so weit herunter, bis er ganz heruntergekommen ist.

  1. Akt: „Er erniedrigte sich selbst noch tiefer und war Gott gehorsam bis zum Tod, ja, bis zum schändlichen Tod am Kreuz.“

 

Er kommt herunter, bis in den tiefsten Abgrund der Menschlichkeit und des Todes. Tiefer kann man nicht sinken. Weiter heruntergekommen kann man nicht sein als halbnackt an einem Holzkreuz, blutend, keuchend, schreiend dahinzusiechen.

Das ist nicht schön anzusehen. Das ist richtig heruntergekommen.

Ich weiß, wir haben lieber das süße Baby in der Krippe, die Stille Nacht und die holden Engelein als diesen heruntergekommenen Mann am Kreuz. Doch das Baby in der Krippe ist der gleiche Mensch und Gott wie der Mann am Kreuz.

Aber auch das ist noch nicht der finale Akt. Der kommt einen Vers weiter.

  1. Akt: „Darum hat ihn Gott erhöht und ihm den Namen gegeben, der über allen Namen steht. Und jeder ohne Ausnahme wird zur Ehre Gottes, des Vaters, bekennen:

Jesus Christus ist der Herr!“

Es ist in allen 3 Akten immer der gleiche Jesus, dessen Geburt wir heute feiern.

Krippe, Kreuz und Krone gehören zusammen. Das ist eine großartige Geschichte, bei der wir dabei sein dürfen.

Wir sind die Bäuerin, du und ich, mit unserem bisschen Leben, für die der König alles hergibt, um uns am Ende mit in sein Königreich zu nehmen. Und das ist die Ironie dieser großartigen Geschichte: Gott ist heruntergekommen (und das wirklich in jeder Hinsicht), damit wir – jeder von uns – irgendwann einmal hinaufgehen können in sein Himmelreich.

Und das ist mein Wunsch für das diesjährige Weihnachtsfest: Dass es nicht nur der Beginn dieses göttlichen Epos ist, sondern auch der Beginn deiner eigenen Geschichte mit ihm – Jesus, dem Herrn dieser Welt.

Amen.

1.     Wenn du an Jesus denkst: Was ist dir am nächsten? Krippe, Kreuz oder Krone?

2.     Welche Veränderung hat Jesus schon in dein Leben gebracht?

3.     Was macht für dich heute den Unterschied im Wissen, dass du einmal in Gottes Königreich sein wirst?