Predigt vom 03. Januar 2021

Timo Plutschinski - Jahreslosung 2021

„Jesus Christus spricht: Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!” (Lk. 6,36)

Die Jahreslosung aus Lk. 6,36 ist eingebettet in die Feldrede Jesu (Parallele der Bergpredigt), in deren Mittelpunkt das Liebesgebot steht, das sich in zwei Teile aufteilt: Zum einen in die Feindesliebe (Lk. 6,27-35), der radikalsten und revolutionärsten Aufforderung Jesu und dem sichtbaren Zeichen des neuen angebrochenen Reiches Gottes und zum anderen in die Barmherzigkeit als Grundhaltung, die das Alltagsverhalten der Jünger auf den Kopf stellt.

Dabei beinhaltet diese neue Haltung, was sich durch das anbrechende Reich Gottes verändern soll, nämlich die Herzen der Menschen und die Verhältnisse, in denen sie leben. Direkt im Anschluss an die Feindesliebe kommt, sozusagen als theologische Begründung der angesprochenen Steigerungslogik und als praktisches Beispiel, unsere Jahreslosung.

Dabei steht der Gedanke der Nachahmung Gottes im Zentrum der Aussage Jesu: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist!” Seht das Vorbild, das Ziel, die neue Haltung. Aber was heißt barmherzig sein hier? Neben der Grundhaltung spricht Jesus ganz praktisch zwei Konkretionen an: Verzeihen statt Urteilen (Vers 37) und Geben statt Nehmen (Vers 38).

Das Reich Gottes ist als anbrechendes Ereignis zu verstehen, welches sich auf der Beziehungsebene zwischen Gott und Menschen ereignet und in dessen Mittelpunkt die gelebte Barmherzigkeit steht.

 

Barmherzigkeit gehört zu den zentralen und meistgebrauchten Begriffen in der Bibel – über 400-mal. Die deutschen Begriffe „Barmherzigkeit“, „Gnade“ und „Erbarmen“ gehen dabei im alttestamentlichen Kontext alle auf das hebräische Wort chasad. Interessant ist, dass es dabei einen inneren Zusammenhang zu Jahreslosung 2016 gibt: „Ich will dich trösten, wie einen seine Mutter tröstet“.

Im Neuen Testament wird diese breite Bedeutung unter anderem von den Begriffen Trost und Tröster aufgenommen und weitergeführt, wenn Gott selbst der Gott allen Trostes ist (2. Kor 1) und der Heilige Geist unser Tröster bis in alle Ewigkeit (Joh 14). 

Und genau dieses Verhalten fordert Jesus von seinen Nachfolgern in der Jahreslosung ein.

 Die Nachahmung Gottes speist sich aus der Erfahrung, die Barmherzigkeit Gottes selbst erlebt zu haben: Unverdient, allein aus Gnade, ohne eigenes Zutun. Hier geht es um eine Wesensveränderung, die über ein reines Aktionsprogramm hinausgeht. Es geht um ein Gott-ähnlicher- Werden.

Und das ist in erster Linie eine Herzensveränderung, die ebenso auch Kern der Barm–HERZ–igkeit ist:

Die Jahreslosung ist kein unerreichbares Ideal, sondern beschreibt die verändernde Wirkung von Gottes Kraft auf und in dieser Welt. Da wo es nach gesellschaftlichen Maßstäben nichts mehr zu erwarten gibt, greift die Barmherzigkeit Gottes kraftvoll ein, besonders wenn es um Ausgegrenzte, Benachteiligte und Vergessene geht.

Schon die Weisungen Gottes im Alten Testament gaben dem Volk Israel einen von Barmherzigkeit, Gnade und Freiheit durchzogenen Lebens- und Arbeitsrhythmus, der sich durch alle ethischen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens zog, von ökologischen und ökonomischen bis zu kulturellen und sozialen Bereichen. Was die Menschen durch Egoismus, falschen Umgang mit Ressourcen und Habgier durcheinandergebracht haben, soll nun durch Gottes Ordnung wiederhergestellt werden.

Das Sabbatgebot: alle sieben Tage ruhen (Lev 25,1–4). So wurde das Schöpfungsprinzip des siebten Tages (des Sabbats) als Ruhetag auch nach dem Sündenfall beibehalten und in den mosaischen Gesetzen für das Volk Israel festgehalten und weiter ausgebaut.

 Das Abgabegebot: hier finden wir eine der ersten Formen der Sozialversicherung durch ein gemeinschaftliches Versorgungssystem. Gerade die Schwachen und Benachteiligten sollten durch die Gemeinschaft versorgt werden.

 Das Sabbatjahr: alle sieben Jahre sollen alle Sklaven freigelassen werden, alle Schulden erlassen und das Feld nicht bestellt werden (3.Mose 24; 5.Mose 15).

 Das Jubeljahr (Erlassjahr): alle 50 Jahre geht der Grundbesitz wieder an seinen ursprünglichen Besitzer zurück, um zu zeigen, dass das Land nicht den Menschen gehört, sondern Gott (3.Mose 25).

Hier zeigt sich das Herzensanliegen Gottes: die aus Barmherzigkeit und Gnade kommende Wiederherstellung gerechter Verhältnisse und gesunder Beziehungen auf allen Ebenen: zu Gott, zu sich selbst, zu dem Nächsten.

 Barmherzigkeit geht dabei immer den einen Schritt mehr. Und das zeigte sich schon bei den ersten Christen, die sich im Römischen Reich von der Gesellschaft unterschieden haben. Daran wurden die Christen erkannt – quasi ihre DNA – , dass sie Barmherzigkeit gelebt haben in einer Kultur der Unbarmherzigkeit.

 Das Herz Jesu voller Leidenschaft und Mitgefühl wird uns am Beispiel des Aussätzigen in Markus 1,40-44 deutlich:

Einmal kam ein Aussätziger zu Jesus, warf sich vor ihm auf die Knie und flehte ihn an: »Wenn du willst, kannst du mich rein machen!« Von tiefem Mitleid ergriffen, streckte Jesus die Hand aus und berührte ihn. »Ich will es«, sagte er, »sei rein!« Im selben Augenblick verschwand der Aussatz, und der Mann war geheilt.

Das Verlorene/Kranke/Unreine soll wiederhergestellt werden: Jesus hatte tiefes Mitleid, er lässt sich berühren vom Mitleid, ein körperliches Gefühl. Jesus zeigt deutlich, dass er keine Angst davor hat, von der „Unreinheit“ anderer Menschen in irgendeiner Art angesteckt zu werden. Er hat keine Berührungsängste! Im Gegenteil; er begegnet Menschen auf Augenhöhe, berührt sie und heilt sie.

Jesus isst mit den Zöllnern und Prostituierten. Er berührt die Aussätzigen und sie werden gesund. Das Evangelium Christi ist eine gesundmachende Kraft, die sich inmitten unserer Gemeinschaft verbreitet. Gottes Barmherzigkeit nimmt genau die Menschen in den Blick, die sonst keiner im Blick hat: die Alleinerziehenden in der Nachbarschaft, die Menschen mit Behinderung, die Eheleute, die sich nichts mehr zu sagen haben, die einsame Oma, die gerade nicht besucht werden kann, der arbeitslose Single in seiner kleinen Hochhauswohnung, die Sinti und Roma in unserem Land und die Geflüchteten auf den griechischen Inseln. Barmherzigkeit kennt kein Aber. Sie rechnet nicht auf und fragt nicht nach, ob es verdient ist. Barmherzigkeit wird immer unverdient gegeben.

1.     Warum ist Jesus die Herzenshaltung (Barm-HERZ-igkeit) seiner Jünger so wichtig?

2.     Wo kostet es Überwindung, Barmherzigkeit zu üben?

3.     Wem gegenüber möchtest du in diesem Jahr eine unverdiente Barmherzigkeit erweisen?